Sportmediziner Dr. Michael Weiß - Rudern vereint Ausdauer, Kraft und Koordination!

Heute sitze ich mit Dr. Michael Weiß in Pana's Biergarten. Nicht beim Bier, sondern bei einem Cappuccino - denn wir wollen nach dem Gespräch noch eine Runde mit der Gesundheitsruder-Gruppe auf den Neckar. Gerade sprechen wir übers Rudern! Wie sieht ein Professor für Sportmedizin diese Sportart?


Dr. Michael Weiß - Professor i.R. für Sportmedizin - beim Gespräch Zum Thema Rudern pro Gesundheit

Heike: Lieber Michael, vielen Dank, dass Du Dir heute für ein Interview Zeit genommen hast. Ich würde gerne mehr über Dich erfahren, was Dich mit dem Rudern und dem Marbacher Ruderverein verbindet? Dann natürlich die Frage: Warum kann Rudern ein idealer Gesundheitssport sein? Aber die allererste Frage: Du bist Sportmediziner, wie sah Dein Berufsleben aus?


Dr. Michael Weiß: Ich war 14 Jahre - von 1978-1992 - am Olympiastützpunkt in Heidelberg in der Sportmedizin tätig. In Heidelberg werden vor allem die Schwimmer und Tischtennis-Spieler betreut. Gerade die beiden Sportarten Schwimmen und Tischtennis sind in ihrer scheinbaren Gegensätzlichkeit spannend zu betrachten. Im Schwimmen haben wir viel am Thema "Ermüdung" gearbeitet. Wie muss sich Technik eines Schwimmers anpassen, um auch im Ermüdungszustand noch Leistung bringen zu können? Ein Schwimmer muss mit viel Laktat in der Muskulatur umgehen lernen. Bei den Tischtennisspielern war der Fokus auf den koordinativen Fähigkeiten. Tischtennis ist eine reaktive Sportart, in der es zu keiner Automatisierung kommen kann und darf. Anstelle der Automatisierung, wie es in anderen Sportarten denkbar ist, wird an der Koordination gearbeitet. Wir sprechen hier von den Reaktions- und Antizipationsfähigkeiten, aber auch von Differenzierung und Umstellungsfähigkeit.



1992 bin ich an die Universität nach Paderborn gewechselt. Ich hatte dort die Möglichkeit in die Forschung und Lehre zu gehen. Stoffwechseluntersuchungen, Sport und Gehirn waren hier die Themen. Die Universität in Paderborn hat als erste Hirnstromanalysen unter sportlichen Gesichtspunkten durchgeführt. Zentrale Ermüdung spielte eine wichtige Rolle, aber auch das Erlernen von Bewegungen. Zentrale Ermüdung und muskuläre Ermüdung sowie die Wechselwirkung der beiden Zustände waren interessant. Plötzlich kommt es zu Fehlermeldungen, wenn beide nicht mehr das gleiche melden.


Heike: Du bist in Marbach geboren und aufgewachsen und hast hier auch als Jugendlicher im Marbacher Ruderverein gerudert. Wie war das damals?


Gemeinschaft und soziale Einbindung beim Rudern in der Mannschaft

Dr. Michael Weiß: Ich kam über die Schule zum Rudern. Schulkameradinnen haben mich einfach zum Rudern mitgenommen und so habe ich im Alter von 14/15 Jahre aktiv gerudert. Leider war ich leicht und hatte keinen Ruderpartner in meinem Alter. Überhaupt waren wir in dieser Zeit eine relativ kleine Gruppe, das war sehr schade. Dadurch, dass kein Partner zur Verfügung stand, entschied ich mich für die Musik - das Geigenspiel - und für die Vorbereitung des Abiturs.


2013 zog ich nach meiner Pensionierung wieder zurück nach Marbach. Diese Entscheidung hatte dann tatsächlich mit dem Marbach Ruderverein zu tun. Ich hatte nun Zeit wieder eine Sportart zu betreiben und da lag das Rudern nahe.


Heike: Warum Rudern? Durch Deinen Beruf hattest Du Einblicke in verschiedene Sportarten und Du hast Dich für das Rudern und den Marbacher Ruderverein entschieden?


Dr. Michael Weiß: Ich mag das Gemeinschaftsgefühl beim Rudern, die Mannschaft, die Bootsgemeinschaft. Ich kann beim Rudern die Natur erleben. Auf dem Wasser ist es ganz anders, als wenn ich Laufen oder Radfahren gehe.


Heike: Ist Rudern ein Gesundheitssport?


Das Gefühl auf dem Wasser zu sein ist etwas anderes als beim Radfahren oder Laufen

Dr. Michael Weiß: Rudern stellt einen Komplettanspruch an den ganzen Menschen. Nur ganz wenige andere Sportarten haben diesen Anspruch in dieser Ausprägung. Rudern vereint Kraft, Ausdauer und Koordination - diese konditionellen Fähigkeiten benötige ich das ganze Leben lang. Andere Sportarten kombinieren diese Fähigkeiten nicht in der ganzen Breite: beim Laufen habe ich eher Ausdauer, beim Tennis Kraft/Schnelligkeit. Natürlich spielen die anderen Fähigkeiten immer mit rein, aber nicht in dieser ausgewogenen Form. Beim Rudern benötige ich Kraft und Ausdauern und man tut was fürs Gehirn. Hier kommen die koordinativen Fähigkeiten wieder ins Spiel: das Gleichgewicht und die Instabilität des Bootes, die Wellen und der Wind. Das Licht ändert sich und man muss sich orientieren. Die Komplexität der Ruderbewegung fördert die Kopplungsfähigkeit, die Strömung und die Wellen die Umstellungsfähigkeit sowie die Differenzierungsfähigkeit.

Aber auch die Ruhe auf dem Wasser und die soziale Eingebundenheit trägt zur Gesunderhaltung des Gehirns bei: Stress schadet dem Gehirn und Stress wird auf dem Wasser abgebaut.


Heike: Ist Rudern als Gesundheitssport auch im Erwachsenen-Alter empfehlenswert oder besteht die Gefahr einer Überforderung?


Dr. Michael Weiß: Wer mit Sport neu anfängt und das Alter von 40 Jahren überschritten hat, sollte immer vorher das Gespräch mit seinem Hausarzt suchen. Sinnvoll wäre ein Belastungs-EKG machen zu lassen. Beim Rudern haben wir physiologische, also natürliche Gelenkbewegungen. Es sind Bewegungen, wie sie im Alltag auch vorkommen. Daher sind Ruderbewegungen gut verträglich und führen in der Regel auch zu keinen Beschwerden. Hier gibt es z.B. keine Über-Kopf-Bewegungen der Arme, wie sie z.B. beim Tennis, bei Klimmzügen, etc. vorkommen. Daher treten auch Schulterprobleme beim Rudern eher nicht auf.


Wir haben uns zur Sitz- und Autofahrbevölkerung entwickelt. Um präventiv etwas für die Haltung zu tun, muss an der Rumpfstabilität gearbeitet werden, der Rücken wieder aufgerichtet werden. Beim Ruderdurchzug richte ich den Oberkörper auf, durch die Wiederholungen beim Rudern stärke ich den Rücken. An Land sollte ich dann ein Ergänzungstraining zur Stärkung der Bauchmuskulatur anschließen - dies ist das Antagonistische Prinzip, nach dem die Muskeln von Spieler und Gegenspieler gleichmäßig trainiert werden sollen.


Auch das Boote tragen sollte dann keine Problem für den Rücken darstellen. Natürlich muss man das Tragen der Boote richtig einführen, das muss man lernen. Richtiges Heben ist auch im Alltag wichtig.


Das Ein- und Aussteigen in und aus dem Boot ist ebenfalls eine Sache, die man in Ruhe üben muss. Kniebeugen sind eine gute Vorbereitung, am besten auf instabilem Untergrund - das kann man üben, auch auf einem Bein! Wieder etwas, dass sehr alltagsnah ist und das man auch im Alter im Alltag dringend benötigt.


Zum Alter: Eine Rudergruppe bietet auch im Alter soziale Eingebundenheit. Eingebundenheit stärkt die Gesundheit. Wer sich im Alter zurückzieht, verliert immer mehr seiner sozialen Fähigkeiten, aber genau diese schützen den Menschen. Ein Sportstudio ist in der Regel kein Ersatz, da jeder mehr oder weniger für sich alleine trainiert. Wenn ich in meiner Sportart von anderen ein Stück weit abhängig bin, dann sind gedankliche und körperliche Interaktionen notwendig, man muss miteinander reden.


Heike: Lieber Michael, vielen Dank für Deine Zeit! Wir beide gehen jetzt von der Theorie in die Praxis! Ich möchte Dich einladen gemeinsam mit der Montagsgruppe "Rudern pro Gesundheit" aufs Wasser zu kommen!

Rudern pro Gesundheit - Montagsgruppe im Marbacher Ruderverein



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