MRV rockt November Blues - Tag 6

Liebe Ruderer,


wurdet Ihr schon mal gefragt, warum südöstlich des Marbacher Rudervereins ein kleines Schlösschen steht? Oder habt Ihr Euch das schon selbst gefragt? Und warum endet auf der anderen Seite der Straße einfach die Brücke mittendrin?


Das Bauwerk wirkt ein wenig verwunschen, der Turm erinnert an den Rapunzelturm im Märchengarten des Blühenden Barocks in Ludwigsburg. Doch keine junge Dame ließ bei meinem Besuch ihr langes Haar herunter. Okay, ich war auch nicht der stolze Ritter auf seinem Schimmel. Eher eine verschwitzte Trainerin am Ende ihrer Laufstrecke, aber dazu später mehr...


So alt ist dieses Gebäude allerdings noch gar nicht. Es wurde im Jahr 1900 eingeweiht. Nicht gebaut als Burg oder Schloss, kein Sitz von Herzog oder Graf, sondern schlicht für die Aufgabe Elektrizität in die Landeshauptstadt zu liefern. Das Schlösschen ist nämlich ein Laufwasserkraftwerk. Nach seiner Inbetriebnahme lieferte es über Jahrzehnte hinweg Strom nach Stuttgart. Marbacher erhielt erst ab 1906 Strom aus diesem Kraftwerk. Gleichzeitig wurde es zu einer touristischen Attraktion für Technikfans und andere Bewunderer. "Noch heute wirkt der außerordentlich schmuckvoll gestaltete historische Backsteinbau wie ein kleines Schlösschen." so der Marbacher Stadtarchivar Albrecht Gühring in seinem Buch "Archivbilder Marbach am Neckar".


Das oben ist kein Archivbild, sondern ein Wege-Bild von mir. Entlang führt nämlich eine perfekte Laufrunde. Und die wird eine Variante darstellen, um die heutige Bewegungsaufgabe zu meistern.


Laufen oder Walken:

Start: Vor dem Marbacher Ruderverein, über die Fußgängerbrücke nach Benningen, links Richtung Ludwigsburg, in Hoheneck über die Fußgängerbrücke auf die Neckarweihinger Seite des Neckars, zurück durch den Energiepark, an Egetrans vorbei bis zum oben fotografierten historischen Kraftwerk.


Es sind so ca. 12 km und komplett eben. Sucht das Tempo, mit dem ihr die Strecke völlig gleichmäßig durchlaufen könnt. Nächsten Samstag dann 2 oder 3 Minuten schneller. Also Zeit stoppen, gerne auch die km Zeiten.


Ergo: 90 Minuten gleichmäßig - Display abklappen!


Aus dem Buch von Albrecht Gühring habe ich noch ein paar Bilder entnommen:

Das Laufwasserkraftwerk steht auf dem Gelände, wo früher mehrere Gebäude des alten Marbacher Mühlenviertels standen. Der Neckar fließt, wo heute die Autos oft weniger fließen und mehr im Stau stehen - hier ist heute die L1100. Wenn Ihr an der Stelle Richtung Marbach schaut, seht Ihr noch die Reste der Brücke auf der Stadtseite.



Beschreibung von Gühring - das Bild stammt von einer Postkarte: Der Hauptbau des Kraftwerks besteht aus einer fünfachsigen Turbinenhalle. Die Turbinen und Drehstromgeneratoren wurden inzwischen entfernt. Lediglich einige Ausstattungselemente und der Kran sind noch erhalten. Die Postkarte mit den "Elektrizitätsanlagen"wurde 1900 nach Stuttgart verschickt. Deutlich zu erkennen sind die Durchflusskanäle unter dem Kraftwerk. Im Hintergrund führt der steile Mühlweg zur Stadt hinauf.



Wieder ein Postkarte, wieder der Text von Gühring: Aus der Zeit um 1929 stammt diese Ansichtskarte, auf der die Kunstbauten des ehemaligen Mühlkanals zu sehen sind. Die Gebäude am linken Bildrand gehören zum ehemaligen Marbacher Mühlenviertel. Früher waren es meist Lager- oder Funktionsgebäude, inzwischen sind viele zu Wohnhäusern umgebaut worden. Das stattliche Haus am linken Bildrand wird 1835 als großes Krappmagazin gebaut. Die Krapp-Pflanze diente seit dem Altertum als Rotfärbemittel.


Für alle Nicht-Marbacher: Wenn Ihr zu unserer Regatta 2021 nach Marbach kommt, dann biegt von der Autobahn kommend nach dem Kraftwerk rechts ab. Es fließt hier nicht mehr der Neckar, sondern Ihr befindet Euch auf der L1100. Den Neckar hat man bei dem Bau der Straße einfach nach Westen verlagert. Aber er ist noch da, sonst könnten wir heute nicht rudern. Ihr kommt zum Regatta-Platz, zum Marbacher Ruderverein (und zum Biergarten).


Rapunzel wohnt nicht im Schlösschen, allerdings wurde das Kraftwerk vor ca. 10 Jahren an Privat verkauft. Die historische Schaltwarte ist erhalten - schade, dass es nicht mehr zugänglich ist. Sie ist auch für Technik-Laien ein Fest für die Augen und führt die Phantasie in die Vergangenheit zu den Ursprüngen der Stromerzeugung. Kurz vor dem Verkauf durfte ich noch einen Blick ins Innere werfen.


Ein kleiner historischer Ausflug - ich hoffe Ihr habt Freude dran!


Liebe Grüße

Heike



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